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Bio in Vancouver – Zwischen Würmern und Wolkenkratzern

Anja Schuchardt arbeitet als Videoredakeurin für das Fachmagazin "Die Bioküche" vom Verlag Neuer Merkur in München. Den Urlaub an der Westküste Kanadas nutzte sie um zu erfahren, was die Kanadier über das Thema Nachhaltigkeit und Bio denken. Während ihres Geographiestudiums war sie bereits für 4 Monate in Montréal und hat dort für einen Radiosender gearbeitet. Auf dem Youtube-Kanal von "Die Bioküche" gibt es eine bunte Mischung von Filmen aus Vancouver, Montréal und München zum Thema Bio.

Wieviel Bio steckt in Westkanada? Und was haben Hippies und Hochhausdächer damit zu tun? Vancouver ist nicht nur die Gründerstadt von Greenpeace, sondern in dieser Stadt entwickelten sich in den 1970er Jahre auch die ersten Ansätze der urbanen Landwirtschaft. Inzwischen sind die Entwicklungen in Vancouver hinsichtlich Regionalität und Bio sehr vielfältig. Einen Eindruck geben die Kurzfilme unter: http://www.youtube.com/user/DieBiokueche

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Was ist ein „Locavore“? Das Wort gibt es noch nicht lange, es steht aber schon im amerikanischen Lexikon. Zu den „Locavores“ zu gehören, ist zum Trend geworden, obwohl es eigentlich eine recht altmodische Lebensweise beschreibt: jemand, der sich von regionalen Produkten ernährt, möglichst keine importierten Lebensmittel kauft und vielleicht sogar eigenes Gemüse oder Obst anbaut. Hört sich erst einmal ziemlich öko an, doch den Trend setzten die Autoren Alisa Smith und J. B. MacKinnon 200 mit ihrem Buch „The 100-Mile Diet“. Damit lösten sie eine regelrechte regionale Essensbewegung in Kanada aus. Das Paar dokumentierte seine Erfahrungen während eines Jahres, in dem es sich ausschließlich von Produkten ernährte, die in einem Umkreis von 160 km um ihren Wohnort entfernt wachsen. Regional Essen hört sich zunächst einmal gut an, ist aber längerfristig betrachtet gar nicht so einfach. Smith und MacKinnon mussten beispielsweise auf Schokolade, Bier, Zitronen, Salz, Zucker, Schwarztee und Kaffee verzichten.

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Einfacher könnte es hingegen sein, urbane Landwirtschaft zu betreiben - solange freie Flächen in der Stadt verfügbar sind. Diese Grünflächen, meist öffentlicher Grund, können dann von den Städtern bewirtschaftet werden. Beispielsweise mit Gemüse- oder Obstanbau, doch vor allem geht es vielen darum, ein Nachbarschaftsgefühl wachsen lassen. In Berlin ist der „Prinzessinnengarten“ entstanden. Auf einer brachen Fläche, wo die Viertel Kreuzberg und Mitte aufeinandertreffen, hacken, rupfen und wühlen Menschen aus aller Herren Länder: Alte und Junge, Akademiker und Arbeiter, Türken, Russen, Deutsche. Die ersten Ansätze, Gemüseanbau innerhalb einer Großstadt zu organisieren, entwickelten sich aus der Hippiebewegung Anfang der 70er Jahre in Westkanada. Michael Levenson aus Vancouver sieht sich als einer der Gründerväter. Mit Mitte 20 ließ ein Freund ihn selbst angebautes Gemüse probieren, Michael begeisterte sich für diese einfach direkte Art der Ernährung und er gründete einen „Demonstrationsgarten“ zu Aufklärungszwecken. Seine Begeisterung ging so weit, dass er die Leitung des Gartens und die Öffentlichkeitsarbeit zu seinem Vollzeitjob machte und dort nun seit 30 Jahren Geschäftsführer ist. Inzwischen gibt es im „Demonstrationsgarten“ einiges mehr, als nur Gemüse und Obst. Mehr Informationen über den Garten, der zu einer festen Institution in Vancouver zählt, und seinen Geschäftsführer Michael Levenson unter: http://www.youtube.com/user/DieBiokueche#p/u/2/SURofarNqU4

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Neben Gemeinschaftsgärten in der Stadt entwickeln sich jetzt auch Gurken vom Hochhausdach zu einer neuen Geschäftsidee. Ted Cathart von der Organisation YWCA kultiviert auf 200 m² den bislang größten Hausdachgemüsegarten in Vancouver. 2010 ernteten Ted und seine Gärtner 700 kg. Ziel ist in diesem Jahr nicht nur eine noch erfolgreichere Ernte, sondern die Gründung einer Gemeinschaft von Freiwilligen und Organisationen, die das Projekt unterstützen. Den Film zum Projekt unter: http://www.youtube.com/user/DieBiokueche#p/u/3/xfOMVonWSgY

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Viele grüne Projekte und eine Stadtbevölkerung, die immer mehr regionale Bioprodukte kauft. Die vier Biobauernmärkte innerhalb von Vancouver besuchen inzwischen insgesamt etwa 12.000 Städter pro Woche. Wen man dort trifft, zeigt dieser Film: http://www.youtube.com/user/DieBiokueche#p/u/1/FTa8ZMD_0wg

Doch anstatt Produkte aus der Region verstärkt auch in den Supermärkten zu vertreiben, exportiert die Provinz British Columbia jährlich Früchte und Gemüse mit einem Warenwert von ca. 300 Mio. Euro in die USA. Ob sich das System ändern kann, hängt in erster Linie vom Verbraucher ab.