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Mein Auslandssemester an der Université de Montréal (UdeM)

Erfahrungsbericht: Mein Auslandssemester an der Université de Montréal (UdeM) Name: Cynthia Bensch
Zeitraum: WiSe 2013/2014

Ankunft

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Mein kleines Abenteuer in der kanadischen Provinz Québec begann mit einem herzlichen Empfang am Flughafen von Montréal, durch einen kanadischen Freund, den ich während seines Austausches an der Universität Bremen im vorherigen Semester kennengelernt habe. Ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft mit einem Québécois hatte ich bereits vor meinem Aufenthalt gefunden, wodurch der Start gut verlief. Am Anfang musste ich mich erst einmal an die Aussprache und die zahlreichen Synonyme gewöhnen mit denen ich konfrontiert wurde. Mit der Zeit habe ich die charmanten Seiten des Québécois und auch seine kulinarischen Spezialitäten wie Poutine (Pommes mit Käse überbacken, Sauce und wahlweise weiteren Zutaten) schätzen gelernt.

Die Universität

Innerhalb der ersten Tage habe ich mich an der Université de Montréal eingeschrieben (Passkopie). Bevor die Seminare am 1. September anfingen, habe ich an einigen Veranstaltungen der Einführungswoche teilgenommen: An einem Atelier über das Erlernen des Québécois, einem Kinofilm im universitätseigenen Kinosaal, ein Touch-Rugby-Spiel für Anfänger etc. Diese Veranstaltungen dienten dazu, Kontakte zu anderen Studierenden zu knüpfen, was sehr wichtig ist, weil nach dem Vorlesungsbeginn dafür nicht viel Zeit bleibt. Das ist auch der erste große Unterschied zu meinem Studium in Deutschland, an den ich mich erst einmal gewöhnen musste: Der Arbeitsaufwand ist höher, weil weniger Zeit bleibt. In Kanada gibt es keine Semesterferien, in denen man seine Seminararbeiten schreibt.

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Mit dem Beginn der ersten Vorlesungswoche habe ich auch schon meine ersten positiven Überraschungen erlebt: Die Seminare sind überaus strukturiert, die Dozenten legen den Studierenden ihren Seminarplan für das gesamte Trimester vor und dieser wird in der Regel komplett eingehalten. Ich habe verschiedene Seminare in Geschichte gewählt. Anders als in Deutschland gibt es mehrere Prüfungen über ein Trimester verteilt: eine erste Prüfungsphase Mitte Oktober und eine zweite Anfang/ Mitte Dezember. Zusätzlich müssen neben den Klausuren während des Semesters Seminararbeiten, Quellenanalysen etc. eingereicht werden. Es ist viel Arbeit, aber das bringt einen sprachlich und inhaltlich auch sehr voran. Mit einem guten Zeitplan bleibt genügend Gelegenheit, um von der kulturellen Vielfalt Québecs profitieren und Reisen in Québec und Ontario unternehmen zu können.

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Aber nicht nur die Kurse erweitern den Horizont, sondern ebenso das vielfältige universitäre Angebot. Die Universität hat einiges zu bieten: Im sportlichen Bereich sind die Spiele der Auswahlmannschaften des Football- und Hockeyteams sehr spannend. In musikalischer Hinsicht haben mir besonders gut das Weihnachtskonzert der Big Band und der Ballettauftritt sowie ein Konzert im Freien gefallen.

Die Kultur

Ich habe Montréal als eine junge, kulturreiche Stadt erfahren. Es gibt viele kleine Konzerte in Bars, gute Kinofilme im Universitätskino und immer wieder kulturelle Festivals über das Jahr. Vor allem ist es super, dass die meisten Kulturangebote umsonst sind oder nicht viel kosten. Dafür aber umso mehr die Ernährung. Doch auch dafür ist gesorgt: In der Universität gibt es eine Stelle, an der die Uni günstig Lebensmittel einkauft und die Studierenden sie kaufen können. Außerdem bietet die Universität Treffen zum gemeinsamen Kochen in der Mittagspause an. Schwimmen ist in den kleinen Freibädern im Sommer kostenlos, ebenso die Nutzung des Uni-Schwimmbads mit Sauna und Whirlpool für Studierende über das gesamte Jahr.

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Außerdem glänzt Montréal mit seinen verschiedenen Vierteln und Parks. Es gibt das Plateau Montréal mit seinen charmanten Straßen, Geschäften und Restaurants, das reichere Viertel Outremont, verschiedene Einkaufsstraßen, den Park am Hafen und das Vieux Montréal mit seinem historischen Charme sowie viele weitere Besonderheiten. Ich habe im Viertel Jarry gewohnt, schön gelegen an einem großen Park und nahe der Metro-Station. Das Netz der Metro-Stationen ist nicht kompliziert. Wo die Metro nicht hinfährt, kommt man mit dem Bus hin. Ein Monatsticket für Studierende kostet 45 Kanadische Dollar, was umgerechnet etwa 31 Euro entspricht.   

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Als Studierende aus Deutschland, der mir horrende Studiengebühren kaum bekannt sind, ist es schwer nachzuempfinden, wie die Menschen in Kanada darüber denken. Es lohnt sich, einen Einblick zu gewinnen und nachzufragen, welche Erfahrungen kanadische Studierende gemacht haben. Dabei erfährt man spannende Geschichten über den großen Streik gegen die Erhöhung der Studiengebühren von 2012. Zur Mentalität gehört auch, dass sich viele Einwohner bewusst als Québécois und nicht als Canadien bezeichnen. Es ist empfehlenswert, den Einwohnern in dieser und anderen Fragen mit einfühlsamem Interesse zu begegnen. Ich habe die Menschen in Montréal als offen und freundlich kennengelernt. Toleranz und Respekt spielen überall im Leben in Montréal eine entscheidende Rolle.

Die Temperaturen haben sich während meines Aufenthalts zwischen -39 und +35 Grad bewegt. Wer nach Québec geht, muss mit einem heißen Sommer und einem eisigen Winter rechnen. Der Winter hat mir auch besonders gut gefallen, weil die Straßen aufgrund eines weltweit bekannten und vorbildlichen Räumungsmanagements frei von Schnee sind, Teile der Innenstadt in einem unterirdischen Netz verbunden sind und auch im Winter Freizeitaktivitäten wie Schlittschuh fahren, Feuerwerk etc. viel Freude bereiten.

Reisen

Meine Reisen haben mich an einigen Wochenenden in die Provinz Ontario (Mega-City Toronto, Hauptstadt Ottawa, Niagarafälle), nach Québec-Stadt mit märchenhafter Kulisse bei -20 Grad, viel Schnee und einem Weihnachtsmarkt gebracht. Während des Indian Summer waren die Besuche von zwei Nationalparks wunderschöne Erlebnisse. Ein weiterer herausragender Moment war eine Bootstour in Tadoussac, auf der wir Wale gesehen haben.

Abreise

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Dass man Fernweh schon spüren kann bevor man überhaupt abreist, habe ich in Montréal erlebt. Die Menschen, die ich in Montréal kennengelernt habe, haben mein Leben deutlich geprägt und ich bin mit dem Eindruck gegangen, dass ich einige Freundschaften fürs Leben geschlossen habe. Aus der Bücherreiche „Für Dummies“ hat mir ein Freund während der Büchermesse das Bändchen L’Histoire du Québec POUR LES NULS von Éric Bédard signieren lassen und mir am Flughafen als Überraschung geschenkt: „À Cynthia, Allemande de passage, intéressée par le Québec…“. Nachdem mich eine 8-köpfige Gruppe am Flughafen verabschiedet hat, habe ich mit einem weinenden und einem freudigen Auge Québec verlassen. Denn eines ist sicher: Es war nicht meine letzte Reise nach Québec.