Aktuelles

Mein Studienaufenthalt in Montréal: von -22°C bis +28°C

Franziska Beinke studiert seit 2009 Germanistik und Geographie im Bachelor an der Universität Bremen. In ihrem Artikel berichtet sie von ihren Erlebnissen und Erfahrungen, die sie während ihres 4monatigen Auslandstrimesters im Jahr 2012, gefördert durch die Kooperation der Universität Bremen und Université de Montréal, gewann.
Illustration

Kanada, das Land der Kontraste. Endlose Weiten mit unberührter Wildnis stehen pulsierenden Ballungszentren gegenüber. In der Millionenstadt Montréal habe ich am Institut für Geographie der Université de Montréal das Wintertrimester 2012 verbracht. Innerhalb weniger Monate lösten sich winterliche Tiefsttemperaturen von bis zu -22°C und kurz auftretende, frühlingshafte Höchsttemperaturen von 28°C ab. Aufgrund eines der größten Studentenstreiks in Québec, der ab Ende Februar begann und bis heute anhält, sollte es kein gewöhnliches Semester werden. Auslöser der Proteste war die von der Regierung beschlossene Erhöhung der Studiengebühren um 1655 $ innerhalb der nächsten fünf Jahre. Seitdem der Premierminister Jean Charest diese Maßnahme verkündet hat, demonstrieren fast jeden Tag Studierende in der ganzen Provinz Québec. Inzwischen hat er sich zu einem der größten Streiks in der Geschichte Québecs entwickelt. Den Studenten geht es auch nicht mehr nur um die Gebühren, sondern sie fürchten um die Demokratie Québecs. Bei diversen Protestaktionen kam es zu Gewaltanwendungen und Sachbeschädigungen. Die daraufhin von der Regierung der Provinz verhängte Einschränkung des Demonstrationsrechts hat, die Studenten jedoch eher noch zu weiteren Demonstrationen angestachelt.

Wie studiert es sich in Montréal?

Illustration

Die Université de Montréal zählt ca. 60 000 Studenten und der Campus erstreckt sich über mehrere Metrostationen. Dennoch hatte ich das Glück, das die Kurse, die ich gewählt hatte, keine Massenvorlesungen waren, da das Département de géographie ein eher kleines Fach an dieser Universität darstellt. Die Dozenten sind uns Austauschstudenten gegenüber sehr kooperativ und aufgeschlossen aufgetreten, und haben dafür gesorgt, dass wir trotz des Streiks die Kurse garantiert absolvieren konnten. Da Seminartermine der meisten Kurse ausfielen, mussten wir sehr viel zu Hause arbeiten. Der Arbeitsaufwand ist allgemein im Gegensatz zu Deutschland umfangreicher, pro Kurs gibt es meistens zwei Klausuren und noch zwei weitere benotete Prüfungsleistungen. Der Vorteil ist, dass die Gesamtnote aus mehreren einzelnen Noten besteht und nicht von einer Endklausur abhängt.

Die kanadische Kultur in einer multikulturellen Stadt erleben

Illustration

Die Stadt Montréal zählt 3,8 Millionen Einwohner (im Großraum) und hier wohnen auch sehr viele Studenten, die an eine der vier großen und mehrere kleine Universitäten gehen. Mitten in der Stadt befindet sich der Hausberg Mont Royal mit einem großen Park. Hinzu kommen zahlreiche kleine Parks, die die Stadt sehr lebenswert und schön gestalten. Es gibt u.a. die große, zentrale Einkaufsstraße (Rue St.Catherine) mit zahlreichen Läden und großen Einkaufszentren, die alle unterirdisch miteinander verbunden sind, damit man den Einkaufsbummel auch im bitterkalten Winter genießen kann. Von den frostigen Temperaturen lassen sich die Montréalaiser keineswegs abhalten, auszugehen und an unterschiedlichen Veranstaltungen teilzunehmen, die auch im Schnee stattfinden, z.B. die Fête des Neiges. Viele Bars, Kneipen und Diskotheken findet man „downtown“ in der Rue St. Laurent und auf der Rue St. Denis. Die Stadt ist zu jeder Tageszeit belebt. Unbedingt probieren sollte man das Montréalaiser Fastfood „Poutine“ (Pommes mit Käse in Bratensoße), aber Vorsicht, Kalorienbombe! Ich konnte oft die Erfahrung machen, dass die Menschen sehr hilfsbereit und kontaktfreudig sind. Man begegnet in dieser Stadt Menschen aus der ganzen Welt, die sich entweder auf Französisch oder auf Englisch verständigen oder auch mitten im Satz wechseln. Das Verhältnis zwischen Französisch und Englisch ist dabei eben nicht unverkrampft. Die Québecer reagieren recht empfindlich, wenn anglophone Kanadier ihnen auf Englisch antworten und sich nicht auf die Landesprache Französisch einlassen wollen oder können. Bei Ausländern ist das etwas Anderes: wer kein Französisch kann, mit dem spricht man ohne weiteres auch Englisch. Erstaunlich ist, wie viele Kanadier Deutsch beherrschen und verstehen. Des Öfteren wurde ich in Montréal auf Deutsch angesprochen, wenn jemand bei einem Gespräch mit anderen Deutschen zugehört hatte, sei es von einem Kellner in einem Restaurant oder von Menschen in netten Cafés. Über diese Herzlichkeit und Aufmerksamkeit habe ich mich jedes Mal neu gefreut und mich in Montréal sehr wohl und willkommen gefühlt!

Weitere Städtetrips im „Umland“

Illustration

Während meines Aufenthalts habe ich noch einige andere Städte besichtigt. Viele kleine Trips wurden von den Universitäten Montréals angeboten. Der Carnaval de Québec in der Provinzhauptstadt, wo bei eisiger Kälte die Menschen in aufwendigen, prachtvollen Kostümen durch die Straßen ziehen, ist sehr beeindruckend. Möchte man über die Grenze, in die USA fahren, bietet sich Boston an, eine typisch us-amerikanisch wirkende Stadt mit ihren Sehenswürdigkeiten und der in der Nähe liegenden berühmten Harvard University. Sehr beeindruckend sind auch die Niagara-Fälle, zu denen man gut einen Ausflug von Toronto aus machen kann, hier bekommt man eine grandiose Kulisse geboten. Von einer Aussichtsplattform kann man die American Falls und die Canadian Falls betrachten. Mit Booten kann man sehr nah an die Wasserfälle heranfahren. Auf der Liste der zu besichtigen Städte darf natürlich nicht die Hauptstadt Kanadas, Ottawa, fehlen. Es ist eine eher kleine Stadt mit vielen Parlamentsgebäuden, die man besichtigen kann.

Illustration

Ganz gleich, wo wir unterwegs waren, wir wurden oft gefragt, wo wir leben oder wohin wir reisen. Wir antworteten „Montréal“ und die Reaktion darauf war oft: „Montréal, it’s my favorite city in Canada!“

Trotz der vielen Arbeit für die Uni konnte ich Montréal erkunden, das kanadische Leben und die Kultur genießen und kennenlernen und auch noch kleine Reisen unternehmen. Ich habe mir meinen kanadischen Traum, ein Auslandssemester in Kanada, erfüllt und dieses „andere Leben“ sehr genossen. Abschließend kann auch ich sagen: „Montréal, c’est ma ville préférée – Je me souviendrai!“