Konzeption
Das Rahmenthema der Tagung in Bremen steckt ein Untersuchungsfeld ab, in dem sich theoretische, methodologische, empirische und metawissenschaftliche Fragen der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften gleichermaßen und in gegenseitiger Bereicherung diskutieren lassen.
Die Frage der Grenze ist in einem realen und übertragenen Sinne konstitutiv in vielfacher Hinsicht. Einerseits gilt diese Feststellung für alle Wissenschaften im metawissenschaftlichen Sinne der Abgrenzung der Disziplin zu einer anderen, da die Konstruktion von Forschungsgegenständen immer Abgrenzungen zu anderen beinhalten. Andererseits ist das Grenzziehen, die Grenzkonstruktion im sprach-, literatur-, medien- und kulturwissenschaftlichen Feld als Gegenstand selbst ein konstitutiver Teil von Forschung. Dies betrifft Grenzziehungen zwischen linguistischen Teildisziplinen und der Ausgrenzung des Sprachlichen vom anderweitig Semiotischen, zwischen literarischen Gattungen, Epochen und bestimmten Medien, zwischen der Einteilung in theoretische Fragestellungen und praktischen Anwendungen (z.B. in der Fremdsprachendidaktik). Ganz bewußt sind hier nicht nur die etwas modischen Themen der Grenzüberschreitung anvisiert worden, sondern es sollen auch die diesen vorangehenden und nachfolgenden Grenzkonstruktionen (auch im konstruktivistischen Sinne) in die Diskussion eingebracht werden. Gerade die Ausweitung des Faches auf neue Gebiete (Grenzüberschreitung) und die allseits nicht mehr nur geforderte, sondern praktizierte Inter- und Transdisziplinarität macht eine Vergewisserung der Grenzen und der Schwierigkeiten und Gefahren der Grenzüberschreitungen ständig nötig.
In der Hispanistik, die sich virtuell schon immer, aber seit ca. 30 Jahren auch ganz real als eine umfassende Wissenschaft von Sprache, Literatur und Kultur aller spanischsprachigen Länder versteht (also die europäische ebenso wie die lateinamerikanische, und gelegentlich auch die kleine afrikanische und untergegangene asiatische Hispania umfaßt) und dies auch praktiziert, besteht noch eine – nicht einzigartige, aber doch – besondere Konstellation im Hinblick auf das Phänomen der realen (politischen und geographischen) Grenzen. Die spanische Sprache wird als Staats- oder offizielle Sprache in 21 Ländern gesprochen, hinzu kommt ihre ständig wachsende Präsenz in den USA (mit inzwischen 34 Mio. Sprechern, US-Zensus 2000). Sie ist also politisch fragmentiert (durch politische Grenzen geteilt), aber es besteht ein unbezweifelbarer Drang, diesem Zergrenzungsprozeß sprachlich und kulturell ein einigendes Band entgegen zu setzen. Es gibt seit einigen Jahren die periodische Zusammenkunft der iberoamerikanischen Regierungschefs, es gibt intrahispanisch-internationale Kulturzusammenarbeit (das dem Goethe-Institut vergleichbare Instituto Cervantes wird weitgehend aus Spanien finanziert, präsentiert aber auch die Kulturen der hispanoamerikanischen Länder). Lateinamerikanische Schriftsteller verlegen ihre Bücher in Erstauflage in Spanien und bekommen spanische Literaturpreise, die großen spanischen Verlagsgruppen sind umgekehrt in Lateinamerika vertreten. Es gibt eine enge Zusammenarbeit der Sprachakademien der einzelnen Länder und eine rege (sich in der Nachfrancozeit ständig intensivierende) Zusammenarbeit zwischen den Universitäten Spaniens und der anderen Länder. Diese wenigen Beispiele zeigen sehr deutlich die Gleichzeitigkeit gegenläufiger Strömungen von Grenzziehung, Entwicklung (post-)kolonialer nationaler Identitäten und Kulturen einerseits und dem Willen zur Grenzminimierung auf anderen Praxisfeldern. Dieser auf internationaler Ebene stattfindenden Konstruktion von hispanischer Identität steht kulturelle Diversität in den einzelnen Ländern gegenüber. Fast kein Land der Hispania, das nicht aus verschiedenen Gründen kulturell heterogen wäre: indigene Bevölkerungen in den hispanoamerikanischen Ländern, Konfrontation mit dem Englischen in USA, Puerto Rico und Gibraltar, mit den romanischen und nicht-romanischen Sprachen und Kulturen in Spanien und seinen nordafrikanischen Exklaven, vielfältige Einwanderergruppen in den hispanoamerikanischen Ländern usw.
Die Hispanistik ist damit einerseits von Ihrer Definition her eine grenzüberschreitende Wissenschaft, indem sie idealiter konstitutiv alle spanischsprachigen Länder umfaßt, sie ist aber gleichermaßen grenzkonstruierend, indem sie innerhalb der Länder zu den anderssprachigen Kulturen wissenschaftlich-methodische Grenzen zieht, aber auch außerwissenschaftlich konstruierte kulturelle Abgrenzungen und Barrieren ratifiziert.
Zusätzliche Lektüre: Klaus Zimmermann, Lingüísticas parciales, nacionales y transnacionales: Construcción y transgresión de fronteras.
